Warum der dritte Atomtest? Gedanken zu Nordkorea


Die Kritik kam schnell: US-Präsident Barack Obama nannte den dritten Atomtest Nordkoreas einen „höchst provokativen Akt“, China „missbilligte die Entscheidung stark“ und der deutsche Außenminister Guido Westerwelle drängte auf härtere Sanktionen. Hinter der breiten öffentlichen Verurteilung steckt jedoch eine zentrale Frage: Warum testet Kim Jong-un genau jetzt eine dritte Bombe?

Eine einfache Gegenfrage: Warum nicht? Das Regime in Pjöngjang kämpf bereits mit einer langen Liste an Maßnahmen. Den Vereinten Nationen bleibt somit nicht mehr unbegrenzt Spielraum, die Sanktionen zu verschärfen. Die negativen Folgen für Nordkorea wären kleiner als noch bei früheren Sanktionsrunden.

Dennoch birgt der dritte Test auch ein Risiko. Denn der letzte verbliebene Partner des Regimes ist China. Peking hatte erst vor zwei Wochen angekündigt: Man werde nicht zögern, die Hilfe zu kürzen, sollte Nordkorea weitere Atomtests wagen. Zudem feiern China und Korea diese Woche ihr Neujahr, den höchsten Feiertag ihres Kalenders. Peking könnte den Test als besondere Provokation auffassen.

Zwar reagierte China bereits scharf auf die vergangenen beiden Tests von 2006 und 2009. Doch die klaren Worte änderten die Politik danach kaum. Es bleibt deshalb abzuwarten, ob die Regierung dieses Mal einen größeren Schritt geht. Sollte sie es tun, könnte sie damit die ohnehin schon desolate Wirtschaft Nordkoreas weiter lähmen – und so vielleicht Pjöngjang unter Druck setzen.

Doch die neue politische Führung in Peking ist erst wenige Monate im Amt. Gleiches gilt für den japanischen Regierungschef Shinzo Abe und die südkoreanische Präsident Park Geun Hye, die in zwei Wochen ihr Amt übernimmt. Womöglich ist hier eine Antwort für den Test zu suchen. Kim Jong-un möchte damit seine Macht in der Region gegenüber den neuen Regierungen demonstrieren: Der Atomtest als Zeichen der Stärke – und Abschreckung. Denn noch immer nimmt Pjöngjang Japan und Südkorea als Verbündete des Erzfeinds USA wahr und fürchtet um seine eigene Sicherheit.

Gleichzeitig findet sich auch in der Innenpolitik ein Motiv für den Atomtest. Seit Kim Jong-un Ende 2011 die Macht übernahm, hat er eine Reihe hochrangiger Funktionäre entlassen, darunter auch Armeechef Ri Yong-ho. Der Vize-Marschall galt als enger Vertrauter von Kim Jong-il. Beobachter sahen in den Rochaden ein Zeichen dafür, dass Kim Jong-un seine Macht nach innen festigen will.

Wie schon der Raketenstart im Dezember 2012 könnte auch der neue Atomtest in dieses System passen: Die alte Elite entlassen, diese ersetzen und das Vertrauen der neuen mit Demonstrationen der Macht gewinnen. Zwar ist auch die Rede davon, Kim-Jong-un habe die „Armee-zuerst-Politik“ seines Vaters gestoppt. Doch scheint es unwahrscheinlich, dass ihm dies in nicht einmal anderthalb Jahren gelang. Zu tief hatte Kim Jong-il das System in den 90er Jahren verwurzelt, zu viel Einfluss dem Militär überlassen.

Und eben dieses Militär interessiert sich auch für Erfolge bei dem Atomwaffenprogramm. Nach offiziellen Angaben Nordkoreas habe es sich um einen kleineren und leichteren Sprengsatz bei größerer Stärke gehandelt. Schätzungen gehen von einer Sprengkraft zwischen sechs und sieben Kilotonnen aus. Bei den früheren Tests lag diese bei einer (2006) bzw. zwischen zwei und sieben (2009) Kilotonnen. Die Forscher hätten damit einerseits die Bombe qualitativ deutlich verbessert. Zudem könnten sie Schlüsse für Atomsprengköpfe ziehen, die klein genug sind, um auf ballistische Raketen zu passen. Für eine endgültige Kombination aber sind noch weitere Tests nötig.

Bis es aber überhaupt soweit kommen kann, wird erst einmal die internationale Gemeinschaft auf den neuen Atomtest reagieren (müssen). Noch am Dienstagnachmittag trifft sich der UN-Sicherheitsrat zu einer Sondersitzung. Viele Augen werden dann auf China gerichtet sein.