Israel und die Türkei – Anruf der Realpolitik


Es war nur ein Telefonat und doch brach es fast drei Jahre des Stillstands: Am Freitag rief Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seinen türkischen Kollegen Recep Tayyip Erdoğan an – und entschuldigte sich für den Angriff auf das Aktivisten-Schiff „Mavi Marmara“ im Mai 2010. Die Türkei hatte stets betont, dass erst eine Entschuldigung das eisigen Verhältnis auftauen könne. Israel versprach außerdem die Familien der Opfer zu entschädigen.

Für den türkischen Außenminister Ahmet Davutoğlu kommt der Anruf zur rechten Zeit. Schon seit einigen Wochen sollen US-Offizielle hinter den Kulissen vermittelt haben. Doch just am Tag vor der Entschuldigung hatte Davutoğlu wieder einmal sein außenpolitisches Konzept bekräftigt – inklusive des Dogmas „Null Probleme mit Nachbarn“. Netanjahus Entschuldigung dürfte für Davutoğlu deshalb als Beweis gelten, den richtigen Kurs zu fahren.

Dabei betont der Außenminister stets, „Null Probleme“ sei nur eine von mehreren Säulen, auf die er baue. Medien und Öffentlichkeit aber reduzieren die türkische Außenpolitik nur allzu oft auf dieses Prinzip – und kritisieren deshalb deren Idealismus. Davutoğlu hingegen wird nicht müde, auf das Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Freiheit zu verweisen.

Diese Balance sieht er auch in Syrien gestört – und begründet damit, warum sich die Türkei offen gegen Baschar al-Assad stellt und die Opposition unterstützt. Nur ein Regimewechsel würde das Land befrieden. Doch auch seit Ankara mit den Rebellen sympathisiert, hat sich in Syrien wenig verändert: Noch immer herrscht Assad, noch immer sterben Menschen. Und mit jedem Tag fürchtet die Türkei mehr, tiefer in den Konflikt hingezogen zu werden.

Der Konflikt in Syrien ist es auch, der Netanjahu zu seinem Anruf getrieben hat, wie der Ministerpräsident auf seiner Facebook-Seite schreibt. Israel fürchtet seit langem, dass Assads chemische Waffen in die falschen Hände geraten: in die Hände der Hamas. Und sollte Syrien endgültig zerfallen, könnte es die ganze Region ins Chaos stürzen – was auch an Israel nicht spurlos vorübergehen würde.

Die Türkei hingegen grenzt auf eine Länge von 900 Kilometern an Syrien. Immer wieder kam es im Grenzgebiet bereits zu Zwischenfällen, rund eine halbe Million Menschen flüchteten bisher in die Türkei. Seit zwei Monaten ist dort außerdem die Patriot-Raketenabwehr der NATO stationiert. Aufgrund der angespannten Lage dürfte Ankara schon länger an einem besseren Verhältnis zu Israel gelegen haben. Um sich jedoch am Ende nicht vorwerfen lassen zu müssen, sie sei eingeknickt, wartete die Regierung auf die Entschuldigung aus Jerusalem.

Die Motive der beiden Länder spiegeln daher genau das wider, was Davutoğlu eigentlich bemängelt: Realpolitik. Denn im Fall von Syrien geht es für die Türkei und Israel nicht um gemeinsame Werte – sondern um Stabilität und Sicherheit. Damit aus dieser Zweck-Partnerschaft aber wieder ein enges Band wird, braucht es mehr als einen Anruf.