Schmutzige Bomben und Chemiewaffen in Sotschi?

Als Ende Dezember 2013 mehrere Bomben im russischen Wolgograd explodierten, vermuteten viele ein grausames Omen für die Olympischen Winterspiele in Sotschi.1 Präsident Waldimir Putin verschärfte eilig die Sicherheitsmaßnahmen und setzt nun auf Drohnen und mehr als 30.000 Einsatzkräfte. Gerade erst warnten die USA vor Bomben in Zahnpastatuben. Manche Experten befürchten gar Terroranschlägen mit chemischen oder radiologischen Waffen. Doch wie real ist die Gefahr?

Am Freitag starten die Olympischen Spiele. Hier deshalb Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um Terroristen, radiologische und chemische Waffen – und damit zu einem Thema, das leider immer wieder zu Hysterie verleitet.

Um welche Bedrohung geht es?
Die Sorge: Anstatt normaler Sprengsätze könnten Terroristen chemische bzw. radiologische Waffen, sogenannte „schmutzigen Bomben“, einsetzen. Da es bisher kaum Fälle gab (siehe unten), könnte Zuschauer schnell in Panik geraten und Olympia im Chaos ersticken.

Was ist eigentlich eine „schmutzige Bombe“?
Eine radiologische Waffe ist auf keinen Fall mit einer Atombombe zu verwechseln. Zwar setzen beide radioaktive Strahlung frei. Während diese bei der Atombombe aber als Nebenprodukt der gewaltigen Explosion entsteht, versucht die schmutzige Bombe eben diese Strahlung zu nutzen. Geeignet sind dafür neben anderen folgende Isotope: Americium-241, Californium-252, Cäsium-137, Kobalt-60 oder Strontium-90. Gerade Kobalt und Cäsium werden häufig in der Medizin verwendet. Zum Beispiel wurde Anfang Dezember 2013 in Mexiko ein Lastwagen mitsamt einem Gerät zur Krebstherapie gestohlen (und kurz darauf wieder gefunden). Bei einem Olympia-Anschlag könnten die Täter die radioaktive Quelle einfach irgendwo abstellen. Oder sie verstreuen das Material bewusst mit einem Sprengsatz (englischer Fachausdruck: Radiological Dispersal Devices, RDD).

Das klingt sehr gefährlich?
Tatsächlich geht die größte Gefahr von der konventionellen Explosion aus und nicht von der Radioaktivität. Die radioaktive Dosis ist in der Regel deutlich zu gering, um Menschen zu schädigen – zumal eine Explosion das Material weiter verteilen würde. Da die Zuschauer flüchten, würden sie sich schnell von der radioaktiven Quelle entfernen und nur wenig Strahlung aufnehmen. Manche radioaktive Stoffe wie Americium oder Californium werden erst zur Gefahr, wenn sie in den Körper gelangen; ein Mensch sie zum Beispiel schluckt. Denn anders als etwa Cäsium geben sie vor allem Alpha-Partikel ab, die jedoch fast gänzlich von der Haut gestoppt werden.
Viel entscheidender wäre jedoch die psychologische Wirkung: Menschen fliehen in Panik, das Areal muss evakuiert und abgesperrt werden, Spezialkräfte die Umgebung akribisch reinigen. Mitunter müsste das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Spiele unterbrechen oder einzelne Wettbewerbe verschieben – was wiederum die Wirtschaft schädigen könnte.

Zu den Chemiewaffen: Sind die nicht in Syrien?
Bisher haben vor allem Staaten chemische Waffen eingesetzt. Jüngst machte Syrien Schlagzeilen, als Baschar al-Assad im Bürgerkrieg sein eigenes Volk vergaste. Die ersten modernen Chemiewaffen wurden im ersten Weltkrieg verwendet, etwa Phosgen von Deutschland – ebenso von Frankreich und Großbritannien. Damals öffneten die Soldaten einfach Kanister entlang der Front und hoften, der Wind würde die Gase in die richtige Richtung wehen. Heute ist es möglich, unter anderem Raketen, Granaten oder Sprengsätze mit chemischen Substanzen zu versehen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nutzte insbesondere der irakische Präsident Saddam Hussein sein Chemie-Arsenal: im ersten Golfkrieg gegen den Iran (1980-88) und gegen die Kurden im eigenen Land. Per Definition – wenn sich darüber auch streiten lässt – zählen Chemiewaffen zu den Massenvernichtungswaffen (neben Bio- und Atomwaffen).

Haben Terroristen bisher noch keine Chemiewaffen verwendet?
Doch. Am 20. März 1995 deponierten Anhänger der japanischen Aum-Sekte („Ōmu Shinrikyō“) Plastikbeutel mit dem Nervengas Sarin in mehrere Waggons der U-Bahn in Tokyo. Als sie die Züge verließen, stachen sie Löcher in die Beutel, damit das Sarin entströmen konnte. Der Anschlag tötete 13 Menschen, rund 6000 wurden verletzt. Was meist weniger bekannt ist: Bereits neun Monate zuvor hatte Aum in der Stadt Matsumoto ebenfalls Sarin eingesetzt. Insgesamt starben bei beiden Anschlägen 19 Menschen. Berichten zufolge hatte die Sekte zuvor auch mit biologischen Waffen wie Anthrax-Erregern („Milzbrand“) experimentiert – jedoch ohne Erfolg: Aum züchtete nur einen harmlosen Stamm des Bakteriums.

Und radiologische Anschläge von Terroristen?
Ein vollständiger Anschlag – nein. Aber im Winter 1995 vergruben tschetschenische Rebellen in einem Moskauer Park einen Container mit Cäsium-137. Anstatt den radioaktiven Stoff jedoch mit einem Sprengsatz zu verteilen, meldeten sie bei lokalen Medien und gaben die genaue Stelle der Bombe durch. Die Moskauer Behörden spürten den Container auf und stellten ihn sicher. Offenbar hatten die Rebellen nie vor, die Bombe zu zünden und wollten nur beweisen, wozu sie in der Lage wären.
Allerdings wurde ein radioaktiver Stoffe bereits benutzt, um gezielt einen Menschen zu ermorden: Am 1. November 2006 wurde in London der russische Kremlin-Kritiker Alexander Litwinenko mit Polonium-210 in seinem Tee vergiftet.

Wer könnte einen Anschlag planen?
Hier treffen der Nordkaukasus und Syrien aufeinander. Denn im syrischen Bürgerkrieg kämpfen auch Islamisten aus dem Kaukasus. Diese wollen seit Jahren einen islamistischen Gottesstaat in der Region errichten. Sollten die Extremisten aufgrund des Chaos‘ in Syrien einige von Assads Chemiewaffen erbeutet haben, könnte sie diese nach Russland schaffen, so die Befürchtung. Radioaktives Material könnten sie aus einer verlassenen Anlage der ehemaligen Sowjetunion oder einer zivilen Einrichtung gestohlen haben.

Und warum genau bei den Olympischen Spielen?
Sotschi bietet eine Bühne, wie man sie sonst meist nur von anderen riesigen Sport-Spektakeln kennt: Weltmeisterschaften oder dem amerikanischen Super Bowl. Wer hier zuschlägt, verstört Millionen von Zuschauern. Zudem hat Russlands Präsident die Spiele zu seinem persönlichen Prestige-Projekt erkoren: Ein Schaden für Olympia wäre ein Schaden für Putin.

Wie wahrscheinlich ist ein Anschlag tatsächlich?
Das wissen vielleicht nicht einmal die Geheimdienste genau. Vieles ist deshalb bloße Spekulation. Putins persönlicher Einsatz und die große Bühne machen Olympia einerseits zu einem attraktiven Ziel. Doch gleichzeitig könnte eben diese Größe abschrecken. Denn ein unkonventioneller Anschlag könnte den Extremisten am Ende mehr schaden als nutzen. Die USA haben mit ihrem Kampf gegen Al-Qaida bewiesen, wozu ein verletzter Staat fähig ist. Es wäre verwunderlich, wenn ausgerechnet Putin sich bei einem Angriff plötzlich wegducken würde. Auch wenn Terroristen oft radikale Ziele predigen, für viele gilt: Sie wollen ihre Gruppe nicht selbst auslöschen. So attraktiv chemische und radiologische Waffen auf den ersten Blick scheinen mögen, so nutzlos können sie auf lange Sicht sein. Zwar sollte niemand man das Risiko eines unkonventionellen Angriff verharmlosen – aber auch nicht aufbauschen.

Wie können sich die Besucher schützen?
Je nach Substanz wirken Chemiewaffen zum Beispiel über die Augen, Haut, Schleimhäute oder Atemwege. Das alles trifft auf die gefährlichsten Stoffe zu: die Nervengase, zu denen neben Sarin etwa Tabun oder VX zählen. Echten Schutz bietet deshalb nur ein Ganzkörper-Anzug mit Atemmaske. Besonders tückisch: Sarin ist meist farblos und nicht zu riechen. Am effektivsten sind die meisten Stoffe, wenn sie direkt in die Lungen eindringen. Eine Atemmaske allein kann also etwas helfen, die Wirkung aber nur bedingt stoppen.
Es liegt auf der Hand, dass die wenigsten Besucher der Olympischen Spiele eine Maske bei sich tragen – geschweige denn einen Schutzanzug. Sie müssen deshalb vor allem darauf vertrauen, dass die Behörden einen möglichen Attentäter rechtzeitig fassen. Oder, dass erst gar kein Terrorist einen solchen Anschlag plant.

(Foto #1: Cotton Puryear, Va. Department of Military Affairs via Flickr unter CC BY-NC Lizenz
Foto #2: U.S. Navy/Mass Communication Specialist 3rd Class Valerie M. Grayson/Released via Flickr unter CC BY-SA Lizenz)

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  1. Ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Am 8. Februar 2013 erschien der erste Beitrag für diesen Blog. Fast genau ein Jahr später bin ich nicht weniger entschlossen hier zu schreiben. Anregungen und Vorschläge wie immer gerne über Twitter @ToBrunner oder per E-Mail (siehe Impressum).