USA und Iran: Dilemma im Kampf gegen IS


Masud Barzani hat eine klare Vorstellung davon, wie der Vormarsch des Islamischen Staates (IS) zu stoppen sei. Die USA sollten mehr Luftangriffe fliegen und der Iran eine führende Rolle im Kampf gegen den IS übernehmen. Das forderte der Präsident des kurdischen Autonomiegebiets im Irak am Montag in einem Interview mit dem US-Sender CNN.

Doch beide Forderungen dürften nur schwer vereinbar sein. Das weiß auch Barzani, wie ein Nachsatz des Präsidenten zeigt: Seine Strategie könne nur gelingen, wenn Washington und Teheran „ihre Streitigkeiten beiseitelegten“.

Tatsächlich geht es dabei um mehr als ein paar „Streitigkeiten“. Denn der Kampf gegen IS führt eine Reihe von Problemen vor Augen, in denen die amerikanisch-iranischen Beziehungen stecken. Zwar eint beide das Ziel, die IS-Terrormilizen zurückzudrängen – doch blicken auch beide auf ein Dilemma.

Auswirkungen auf den Atomstreit

Eigentlich käme es für Barack Obama nicht ungelegen, wenn der Iran stärker gegen den IS vorginge. Denn der US-Präsident muss eine schwierige Balance finden: Einerseits will er sein Land nicht in einen neuen Irak-Krieg führen und beschränkt sich deshalb auf Luftschläge. Anderseits aber möchte auch Obama die IS-Milizen aufhalten, ehe sie sich noch weiter in der Region ausbreiten. Dem Präsidenten könnte also jede Hilfe recht sein. Aus diesem Grund trommelt auch sein Außenminister John Kerry fleißig um Unterstützung – zuletzt bei einer Irak-Konferenz in Paris.

Doch eine Zusammenarbeit mit dem Iran birgt Risiken. Seit Monaten verhandeln beide Staaten über das iranische Atomprogramm. Noch immer ist längst nicht klar, wie eine Einigung im Atomstreit aussehen könnte. Die Frist für die Verhandlungen endet am 24. November, aber Offizielle sind sich nicht sicher, ob die Zeit überhaupt reichen wird. Gerade deshalb fürchten manche, der Iran könnte seine Unterstützung gegen den IS an US-Zugeständnisse in nuklearen Fragen knüpfen.

Vorbehalte in Saudi Arabien

Gleichzeitig ist das Regime in Teheran ein enger Verbündeter von Syriens Präsident Baschar al-Assad. Der Assad, den sich die USA im Herbst 2013 noch anschickten aus dem Amt zu bomben, hätte Obama nicht seine eigene „rote Linie“ bei wieder im Sand verscharrt. Nur ein Jahr später gilt Assad einigen Kommentatoren plötzlich als möglicher Verbündeter gegen den IS. Politisch – geschweige denn moralisch – verkaufen ließe sich ein solcher Strategie-Wechsel wohl kaum. Und auch wenn Iran nicht Syrien ist, dürfte Obama auch bei einer Zusammenarbeit mit Teheran ins Kreuzfeuer der Kritik stolpern.

Allen voran trifft das auf Saudi Arabien zu. Riad, immerhin einer der wichtigsten US-Verbündeten im Nahen Osten, hatte sich lange Zeit ganz aus dem Kampf gegen den IS herausgehalten. Inzwischen haben die Saudis rund $500 Millionen an humanitärer Hilfe gezahlt und sogar angeboten, Rebellen auf eigenem Staatsgebiet zu trainieren. Eine Kooperation mit dem Iran, aber könnte diese Hilfe schnell wieder verpuffen lassen. Denn Saudi Arabien (Sunniten) und Iran (Schiiten) ringen um die Vorherrschaft in der Region. Die Rivalen in einer Allianz gegen den Islamischen Staaten? Wohl nur wenn dieser weiter wächst und auch das saudische Königshaus unmittelbar bedroht.

Misstrauen in Teheran

Ähnlich komplexe Abwägungen plagen auch den Iran. Denn nicht nur Washington ist mit Assad beschäftigt. Teheran fürchtet, dass eine Koalition gegen den IS zusätzlichen Druck aufbauen könnte, den die Unterstützung für den syrischen Machthaber einzustellen. Oder noch schlimmer: Dass Assad zum nächsten Ziel nach dem IS wird. Auch deshalb würden die Hardliner in der iranischen Regierung keiner Kooperation mit den USA zustimmen.

Doch Teheran sieht deshalb keinesfalls nur tatenlos zu. Im Gegenteil: Der Iran bildet nicht nur schiitische Milizen aus. Vielmehr sollen iranische Spezialkräfte bereits im Irak sein, dort mit schweren Waffen wie Artillerie kämpfen und ganze Gebiete kontrollieren. Auch Teheran wirkt entschlossen gegen den Islamischen Staat vorzugehen – nur eben nicht in einer Koalition mit dem Westen.

Das muss nicht heißen, dass beide Seiten gar nicht miteinander reden. Schon früher einmal trafen sie sich in Katar zu geheimen Vorverhandlungen über Irans Atomprogramm. Warum nicht wieder? Auch dieses Mal sind informelle Absprachen möglich, ja sogar nötig. Denn so groß die Risikien einer Kooperation auch sein mögen, eines wäre noch riskanter: Zu glauben, der IS wäre allein zu stoppen.