Assads Atombombe – ein Gedankenspiel


Nehmen wir einmal an, die Meldung stimmt: Der SPIEGEL berichtet in seiner Wochenendausgabe, Syrien habe seine Pläne zum Bau einer Atombombe nie beerdigt – und arbeite weiter daran, diese zu verwirklichen. Weiter, weil das Regime um Präsident Baschar al-Assad schon einmal versucht haben soll, die Bombe zu bekommen. 2007 zerstörte Israel mit einem gezielten Luftangriff den al-Kibar-Reaktor, kurz bevor dieser fertig gestellt wurde. Syrien, so die Vermutung, wollte damit waffenfähiges Plutonium gewinnen.

Ja, Assad hätte ein Motiv, um nach der Atombombe zu streben. Denn wer sich nuklear bewaffnet, gilt als unantastbar. Das Atom ist die höchste Form der Abschreckung, um einen Angriff, einen Regimewechsel zu verhindern – siehe Nordkorea. Oder siehe auch Iran, das sich als schiitische Nation den sunnitischen Feinden der Region ausgeliefert fühlt. (Zweifellos dürfte die Suche nach Sicherheit in beiden Fällen nur eines von mehreren Motiven sein.)

Auch Syrien hat diesen Feind in Gestalt von Israel, gegen das Damaskus in den vergangenen Jahrzehnten mehr als einmal Krieg geführt hat. Und wenn Assad noch ein wenig weiter über die eigenen Landesgrenzen hinausschaut, dann sieht er dort sogar Libyen. Genauer: Libyen im Jahr 2003. Damals legte Alleinherrscher Muammar al-Gaddafi nach langen Verhandlungen sein Atomwaffenprogramm auf Eis. Nur acht Jahre später wurde er im libyschen Bürgerkrieg vom Westen aus dem Amt gebombt. Schnell liegt da der Schluss nahe: Mit Atomwaffen wäre ihm das nicht passiert.

Ein Motiv alleine reicht nicht

Ginge es aber nach dem Motiv allein, gäbe es wohl inzwischen schon ein Duzend weiterer Atommächte, denkt man an die verbliebenen Autokraten und Staatschefs, die sich von „fremden Mächten“ (Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei) umzingelt sehen. Dass es bisher nicht so weit gekommen ist, verdanken wir der zweiten – wesentlich wichtigeren – Frage: Der Frage nach den Fähigkeiten.

Und hier wird es auch im Fall von Syrien interessant. Der SPIEGEL schreibt:

„Assad führe, so die Analysten, sein Atomwaffenprogramm an einem geheimen, unterirdischen Ort weiter. Dort lagere nach ihren Erkenntnissen der Brennstoff in Form von 8000 Brennstäben. Und dort sei sehr wahrscheinlich ein neuer Reaktor oder eine Anreicherungsanlage entstanden – eine Entwicklung von unabsehbarer weltpolitischer Tragweite.“

Die Tragweite einer syrischen Atombombe wäre tatsächlich enorm. Doch die zitierten Informationen westlicher Geheimdienste sind schwammig. Denn der wichtigste Teil fehlt: Wie will Assad eine Bombe bauen?

Eine Bombe aus Plutonium oder Uran?

Atomwaffen lassen sich grundsätzlich mit Plutonium und Uran fertigen. Beide Arten unterscheiden sich aber nicht nur im Material (und seiner Menge), sondern auch in Bauart und Zünder. Greift ein Staat nach der Bombe, entscheidet er sich meist für eine der beiden nuklearen Routen, um Kosten für Forschung, Entwicklung und Bauteile zu sparen. Das trifft umso mehr zu, wenn ein Land ohnehin knapp bei Kasse ist – wie Syrien, das seit Jahren vom Bürgerkrieg zerfressen wird.

Es wäre also nur logisch für ein Regime mit begrenzten Geldern und Ressourcen, sich für einen der beiden nuklearen Wege zu entscheiden. Am besten den, mit den geringsten Kosten. Folgt man aber dem SPIEGEL-Bericht, dann hat Syrien offenkundig noch nicht einmal diese Entscheidung gefällt.

Welchen Weg würde Syrien wählen?

Einerseits sprechen „8000 Brennstäbe“ für die Plutonium-Variante. Dabei werden die Stäbe zunächst in einem gewöhnlichen Reaktor verbraucht, um anschließend das Plutonium in einer Wiederaufarbeitungsanlage zu gewinnen. Dass Syrien wie vor 2007 erneut an einem solchen Reaktor arbeitet, gilt laut den zitierten Geheimdiensten als „sehr wahrscheinlich“ – allerdings nicht als gesichert. Und selbst wenn: Danach die abgebrannten Brennstäbe aufzubereiten und das Plutonium zu extrahieren, ist ein komplexerer Prozess, erfordert Spezialisten und eine eigene Anlage neben dem Reaktor.

Auf der anderen Seite erwähnt der Text auch eine mögliche Anreicherungsanlage. Diese hätte wenig mit Plutonium zu tun. Denn angereichert wird Uran, indem man es immer und immer wieder durch tausende Zentrifugen schickt, bis es am Ende so rein, so hoch angereichert ist, dass es sich für die Kettenreaktion einer Atombombe eignet. (Der Vorwurf gegen den Iran.) Würden die Geheimdienste statt der „8000 Brennstäbe“ von „8000 Zentrifugen“ sprechen, wäre dies ein eindeutigerer Hinweis. So aber steht der Vorwurf der Anreicherungsanlage ohne Kontext im Raum.

Stellt man die Geheimdienst-Informationen gegenüber, möchte man fragen: Ja was denn nun?

Beiden skizzierten Routen – und den mutmaßlichen syrischen Aktivitäten – ist auch gemein, dass sie bisher „nur“ den Zugang zu spaltbarem Material böten. Mindestens genauso groß aber ist die Herausforderung, eine funktionierende Bombe zu bauen. Eine, die auch noch klein genug ist, um auf eine Trägerrakete zu passen – ein Problem an dem Nordkorea sich seit einigen Jahren die Zähne ausbeißen soll.

Spaltbares Material ist nur ein Schritt

Klar ist damit bisher vor allem: Syrien hat vielleicht die Möglichkeit, einen von mehreren Schritten auf dem Weg zur Bombe anzustoßen. Doch es wäre auch gerade einmal der erste Schritt und kein weit entwickeltes Atomwaffenprogramm.

Natürlich ist es genauso plausibel, dass sich Assad eine nukleare Hintertür offen halten will; oder, dass er auf eine Zeit irgendwann nach dem Bürgerkrieg schielt, in der er sein Land wieder in Richtung Atombombe lenken möchte. Jeder Atomwaffen-Gegner tut deshalb gut daran, die potenziellen syrischen Anlagen genau im Auge zu behalten. Im Moment aber plagen das Land weit größere Sorgen.

Und vielleicht taugt der Bericht über die Anlagen darum am besten dafür: Als Erinnerung daran, dass jeden Tag noch immer Millionen Menschen am syrischen Bürgerkrieg leiden.